Advance Organizer: Das große Ganze

Ich kann mich noch sehr gut an meine Mathematikvorlesungen aus der Uni erinnern. Große Ahnungslosigkeit wäre eine gewaltige Untertreibung. Die Inhalte waren aus meiner Sicht zusammenhanglos und ich konnte Bezüge zwischen einzelnen Abschnitten gar nicht herstellen. Ätzend!

Dann stand das 1. Examen vor der Tür und der gesamte Mathestoff musste noch einmal gelernt werden (der Prof hatte gewechselt). Aber: auf einmal fiel mir der Stoff wesentlich leichter. Klar, ich hatte alles schon einmal gelernt, aber beim erneuten Durchgehen konnte ich die Abschnitte ganz zu Beginn wesentlich besser einordnen. Warum? Nunja, ich kannte die Gesamtstruktur und konnte darin die gelernten Bereiche einpassen.

Das habe nicht nur ich bemerkt, sondern auch eine Reihe von Bildungsforschern. Diethelm Wahl formuliert selbstbewusst: „Die Intelligenz ist unwichtig. Wichtigster Faktor im Lernprozess scheinen die […] Vorkenntnisse zu sein“. Er schlägt deshalb Organisationshilfen vor, die schon David Ausubel (1974) vorgestellt hat. Sie sollen im Vorhinein (in advance) eingesetzt werden, wodurch sich der Begriff Advance Organizer gebildet hat (nicht advanced).

Mit dem Advance Organizer erhalten die Schülerinnen und Schüler (SuS) zu Beginn der Unterrichtsreihe ein Übersichtsblatt, das ihnen die Grundstruktur und wichtige Inhalte präsentiert. Wenn sie dann einen der Bereiche kennenlernen können sie ihn direkt in den Gesamtzusammenhang einordnen und damit nicht isoliert abspeichern. Die Übersicht kann des Weiteren zum abschließenden Lernen verwendet werden. Man kann das Prinzip mit einem Puzzle vergleichen. Wenn man das Gesamtbild nicht kennt, kann man ein einzelnes Puzzleteil nicht annähernd an die richtige Stelle legen. Kennt man hingegen das fertige Bild, lässt sich das Teil schon begründet hinlegen.

Für die Gestaltung von Advance Organizern werden von Wahl einige Empfehlungen ausgesprochen: mehr Bilder als Text, nicht zu sehr ins Detail gehen usw. Dies lässt sich je nach Themen unterschiedlich gut oder schlecht umsetzen. Ein Beispiel für das Thema Kryptografie in Informatik Klasse 8 ist im folgenden Bild zu sehen:

Grafisch stellt er die verschiedenen Stationen der Verschlüsslung dar und bringt sie mit den jeweiligen Fachbegriffen in Zusammenhang. Während außen beispielhaft eine Verschlüsslung gezeigt wird, sind innen ein paar Beispiele aufgezeigt.

In meinem Unterricht haben sowohl in Mathe als auch Informatik die Advance Organizer einen festen Platz. Ich führe sie meist in der 2. Stunde ein, nachdem sich die SuS mit einem Einstiegsbeispiel vertraut gemacht haben. Der Organizer wird schrittweise aufgedeckt und vorgestellt. Meist bietet es sich an die Fachbegriffe, die benötigt werden, anhand des Organizers zu erklären. Im Laufe der Unterrichtsreihe lasse ich die SuS am Ende eines Abschnitts die neuen Lerninhalte in den Organizer einordnen. Damit soll die Vernetzung der verschiedenen Bereiche unterstützt werden.

Die Rückmeldung meiner SuS ist äußerst positiv. Zum Lernen für Klausuren und Arbeiten sind die Organizer unverzichtbarer Bestandteil. Insbesondere schwächere SuS profitieren von der präsentierten Struktur, da es ihnen meist schwerfällt diese im Laufe der Unterrichtsreihe selbst zu erkennen. Man kann natürlich diskutieren, ob das eigenständige Erkennen einer Struktur nicht einen wichtigen Lernanlass darstellt, den man den SuS mit einem Organizer nimmt. Man gibt eine Struktur vor, die man selbst für geeignet hält, die aber nicht unbedingt für die SuS am besten sein muss.

Wer sich gerne weiter mit dem Advance Organizer beschäftigen möchte, dem sei der Text von Diethelm Wahl ans Herz gelegt. Er ist online zu finden.

Das Beitragsbild ist von Pixabay übernommen und unter Creative Common CC0 veröffentlicht.

2 Kommentare

  1. Hallo Kollege!

    Herzlichen Dank für den Impuls.
    Bin nicht mehr so jung und frisch
    und lerne gerne weiter dazu:
    Beim Auswerten des zurückliegenden Schuljahres stieß ich auf mehrfach wiederholte Wünsche meiner Schülerinnen und Schüler aus dem Technischen Gymnasium nach mehr gemeinsamen Ergebnissicherungen
    Tatsächlich könnte sich dahinter der Wunsch nach mehr Über- und Durchblick durch den zuweilen abstrakten und auch komplexen Stoff verbergen.
    Bin nun durch Ihren Text zu weiteren Experimenten angeregt worden und danken dafür.

    Weiter viel Freude am Unterrichten und Weiter-Lernen!

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